Wie barrierefrei ist eigentlich der Tierpark Berlin?

Ein Gruppenfoto der Teilnehmer

Dieser Frage gingen am 26.08.13 neunzehn Menschen mit und ohne Behinderung nach. Zuerst ist festzustellen: Der Tierpark ist ein historisch gewachsenes Areal, vor allem ein in der DDR entstandenes und von dieser Zeit geprägtes. An allen Ecken und Enden sieht man: Hier stehen größere Bauarbeiten und Umstrukturierungen an. Es wäre fatal, wenn dabei dasselbe passiert, wie kürzlich bei der Restaurierung des Schlosses Friedrichsfelde: trotz umfangreicher Bauarbeiten ist es weiterhin für Menschen im Rollstuhl verschlossen.
Problematisch ist außerdem die Preisgestaltung. Faktisch muss ein schwerstbehinderter Mensch denselben Preis (12 Euro) bezahlen, wie ein Besucher, der keine Ermäßigung bekommt. Das wird aber erst auf den zweiten Blick sichtbar. Behinderte bekommen zwar eine höhere Ermäßigung (Eintritt kostet 6 Euro) als Rentner oder Studenten (9 Euro). Das hört sich erst einmal gut an. Noch besser: die Begleitperson zahlt nur die Hälfte! Aber Menschen, die ohne Begleitperson gar nicht den Tierpark besuchen können, müssen insgesamt 2x 6 Euro zahlen, das entspricht dem vollen Eintrittspreis.
Wer Rollstuhl fährt, aber keine ständige Begleitung braucht, kommt hingegen für die Hälfte des Preises rein. Hinweise, dass im Schwerbehindertenausweis der Vermerk „B“ stehe, was bedeutet, dass man immer eine andere Person in seiner Nähe braucht, bringen an der Kasse nichts. In öffentlichen Verkehrsmitteln, Museen, Theatern und auch im Kino ist der Eintritt für den Begleiter hingegen immer frei. Das ist vom Gesetz so vorgesehen. Warum sollte der Tierpark es anders machen dürfen? Er bekommt Geld aus der öffentlichen Hand. An dieser Frage bleiben wir dran.
Rollstuhltoiletten: Die Toilette im Terrassencafé lässt sich mit einem elektrischen Taster öffnen, der 4 m entfernt an der gegenüberliegenden Wand liegt. Wenn man im Rollstuhl allein unterwegs ist, muss man an ihn heran fahren, drücken, den Rollstuhl wenden – da schließt die Toilettentür schon wieder. Schnelligkeit ist gefragt!
Der Spielplatz ist für Kinder ohne Mobilitätseinschränkungen gebaut und nur über zwei Stufen erreichbar. Es gibt keine Spielgeräte für Kinder im Rollstuhl. Der Streichelzoo ist soweit okay – bis auf die Tatsache, dass er mit Sand belegt ist, was das Vorankommen für Kinder, die ihren Rollstuhl mit ihrer Armkraft treiben, sehr erschwert. Sie werden Mühe haben, zu der dreisten Ziege auf Distanz zu gehen oder das Lämmlein schnell zum Kuscheln zu erreichen, vor allem, wenn es beim Herannahen des fremden Gefährts ausweicht. Ein festerer Belag (mittelfein oder so – aber nicht gerade Sand) würde hier eine Verbesserung bringen.
Das Brehmhaus wird gerade saniert. Toll wäre, wenn der Niveauunterschied an beiden Enden (Innenanlagen bengalische Tiger und indische Löwen) zukünftig nicht nur über Treppen, sondern auch über schiefe Ebenen zu überwinden wäre, damit man mit dem Rollstuhl nicht immer riesige Umwege fahren muss. Zu einem modernen Konzept von Barrierefreiheit gehört es, dass für alle dieselben Wege benutzbar sind und Rollstuhlfahrer nicht immer über Umwege (oft durch Wirtschaftsräume und Hinterhöfe) zum Ziel kommen müssen.
Am Krokodilhaus sind die Auffahrten viel zu steil und deshalb gefährlich, zumal sie auch noch aus zwei Fahrspuren bestehen, in deren Mitte Stufen verlaufen. Der Tierpark sollte es nicht nötig haben, die Alligatoren mit verunglückten Rollstuhlfahrern zu füttern.
Ein generelles Problem ist die Einsicht in die Gehege, Volieren und Terrarien. Die Sichtachsen von Rollstuhlfahrern, Kleinwüchsigen und Kindern werden bei der Konzeption nie mitgedacht. Einige Beispiele:
Die Außenanlage der indischen Löwen am Brehmhaus hat eine Steinbrüstung, über die hinweg Menschen im Rollstuhl malerische Felsen, nicht aber die Tiere sehen können.
In der Schlangenfarm sind die Unterkanten der Terrarien unterschiedlich hoch. Die von knapp 1 m sind ganz gut einsehbar, die mit 1,09 m gehen gerade noch so, aber bei 1,18 m (und das sind leider die meisten) ist von der Giftschlange nur noch etwas zu erahnen.
Meist verläuft in Augenhöhe des Rollstuhlfahrers die obere Kante eines Zauns, eine Brüstung, eine Absperrung, niedriges Gebüsch. Bevorzugt werden breite Metallbänder als oberer Abschluss von Absperrungen verwendet werden. Das erschwert die Sicht.
Eine Umgestaltung des Tierparks ist mit dem Masterplan 2020, hoffen wir, dass er diesen Namen verdient, bereits geplant. Wenn Gehege, Tierhäuser, Wege, gastronomische Einrichtungen und Toiletten neu gebaut oder gestaltet werden, dann muss Barrierefreiheit immer mitgedacht, geplant und gebaut werden.

Birgit Monteiro, Behindertenpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, und Erik Gührs, Bundestagskandidat der SPD in Berlin-Lichtenberg

Wir danken Matthias Vernaldi herzlich für die Begleitung und Beratung.

1 Antwort
  1. A. Knöfel
    A. Knöfel sagte:

    Danke, das du diese Besichtigung organisiert hast! Tolle Aktion! Die mangelnde Zugänglichkeit einiger Bereiche für Behinderte (Rollifahrer) und die Preispolitik des Tierparks hat uns bis dahin auch davon abgehalten diesen Ort mal wieder zu besuchen. Hoffe und freue mich darauf das sich was ändert! Liebe Grüße A. Knöfel

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