Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

Ich danke meinem Freund und Vorbild Herbert Scherer, Geschäftsführer des Verbandes für sozial-kulturelle Arbeit, für diese Rede, die er mir dankenswerter Weise für meine Homepage zur Verfügung gestellt hat.

Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt
Oder: ein Appell, die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Wirklichkeit zurückzugewinnen.

Wir wollen ja heute über das Verhältnis der Sozialarbeit zur gegenwärtigen Krise nachdenken. Da bietet sich zuerst die Frage an:

Ist die gegenwärtige Krise schon bei der Sozialarbeit angekommen?

Wenn ich das richtig sehe, eigentlich nicht – sie hat bisher erst unsere Peripherie erreicht = nämlich diejenigen, die unsere Arbeit fördern – allerdings in seltsamer Weise – man könnte es den Sandwich-Test nennen:

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung sind total gestresst, weil sie gleichzeitig zwei Vorgaben umsetzen müssen: auf der einen Seite sollen sie auf Deubel komm raus Geld, und zwar in großen Portionen ausgeben (unlängst geschah es in unserem Bereich, dass ein neues Kriterium bei der Bewilligung von Anträgen umgesetzt wurde: alle Anträge, die nicht die Mindestgröße von 50.000
€ erreichten, wurden abgelehnt – alle Anträge, die mehr als 50.000 € betrugen, wurden bewilligt) – auf der anderen Seite sollen sie so massive Kürzungen bei der Planung des Haushalts für das nächste Jahr umsetzen, dass sie
nicht mehr ein noch aus wissen.

Aber Scherz beiseite.

Man könnte es auch ganz anders beschreiben.

Unsere Sozialarbeit findet unter Rahmenbedingungen statt, die zur selben Welt gehören und von vergleichbaren Prämissen geprägt sind wie die Strukturen, die die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise hervorgebracht haben. Ich möchte das einmal die Tendenz zur Virtualisierung nennen, eine Bewegung von der Wirklichkeit weg in Scheinwelten, die sich in immer schwindelndere Höhen erheben.

Werden wir konkret:

Was für die Immobilienkrise der eingerechnete inflationäre Wertzuwachs war, ist in unseren Systemen die Antragslyrik , gepaart mit Erfolgsberichterstattungspflicht. Das sind virtuelle Großartigkeiten, denen gegenüber die Wirklichkeit nur verlieren kann.

Diese Tendenzen haben in den letzten Jahren in unerhörtem Maße zugenommen. Je weniger Förderung auf Kontinuität angelegt ist, je kürzer die Projektlaufzeiten werden, je weniger Geldmittel zur Verfügung stehen, desto höher sind die verbalen Anforderungen an Erfolg und Nachhaltigkeit, die im Antragsverfahren seitens der potentiellen Träger zu versprechen sind. Projektförderung durch die Europäische Union, Sonderprogramme des Bundes gegen Rechtsextremismus und für Vielfalt, Quartiersmanagement – Strohfeuer allerorten. Und selbst im Antrag für eine MAE-Maßnahme, die für die Betroffenen bestenfalls eine vorübergehende Linderung ihrer sozialen Notlage erreichen kann, muss das Blaue vom Himmel versprochen werden, damit sie bewilligt wird. Und alle Beteiligten wissen das – und wir alle machen mit.

Ein typischer Verlauf besteht aus einem überhöhten Versprechen am Anfang, einer Projektlaufzeit voller Stress in dem Bemühen, wenigstens den Schein der Übereinstimmung von geplantem und realisiertem Vorhaben zu wahren – und dem abschließenden Erfolgsbericht. Das Problem, um das es einmal gegangen sein mag, tritt in den Hintergrund.

Die Übernahme von Wettbewerbsmechanismen analog der Vergabeverfahren bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand hat hier verschärfend gewirkt:

Bei entsprechenden Ausschreibungen und Wettbewerben wird dankenswerter Weise schon im Voraus die eierlegende Wollmilchsau in groben Zügen skizziert. Ein halbwegs intelligenter Bewerber erkennt in der Regel unschwer, welche Kriterien voraussichtlich positiv und welche negativ bepunktet werden. Und da stellt sich die Gewissensfrage: soll ich einen realistischen Plan einreichen von dem, was ich wirklich glaube erreichen zu können – oder soll ich mich der allgemeinen Inflationstendenz anschließen? Sie alle kennen die Antwort: ein Narr, wer das Spiel nicht mitspielt.

Ich hatte das Vergnügen, bei der Bewertung von Anträgen aus einem bundesweiten Förderungsprogramm mitwirken zu können. Das war interessant, weil es im Prinzip genau so ablief, wie man sich das von außen vorstellen konnte:

Um der besseren Vergleichbarkeit willen mussten alle Anträge auf elektronischen Formblättern eingereicht werden, die bis in hundert Details ein Versprechen nach dem anderen abfragten. Die Jurymitglieder wurden verpflichtet, jedes Versprechen (auf die Zukunft) für bare Münze zu nehmen und zu bepunkten.
Am Schluss wurde ihnen von einem im Hintergrund mitlaufenden Rechenprogramm noch die Aufgabe abgenommen, zu einer Gesamtbewertung zu kommen. Das wurde automatisch aus den Einzelpunkten errechnet, also alles sehr objektiv – subjektive Eindrücke sollten zugunsten eines objektivierbaren Verfahrens zurückgedrängt werden.

Das Formular, ursprünglich vielleicht als Hilfsmittel für den Antragsteller gedacht, nichts Wichtiges zu vergessen, fing an eigenständig zu agieren und sich zum Herr des Verfahrens zu machen. Der Schwanz begann mit dem Hund zu wedeln.

Überhaupt die Wirkung von Formularen mit Eigenleben – zwei Beispiele:

  • Neulich ging es um eine Anmeldung zu einer Veranstaltung. In das Anmeldeformular ließ sich das, mit dem eine Einrichtung auftreten wollte, nicht eintragen. Zwar war das mit den Veranstaltern so abgesprochen, aber da die Datenbank es nicht zuließ, war es nicht
    möglich, den Beitrag mit ins Programmheft aufzunehmen.
  • Bei einem EU-Programm war es mehr als ein halbes Jahr nur mit einem falschen Eintrag möglich, zu einem rechnerisch richtigen Ergebnis zu kommen. Die Servicegesellschaft bedauerte das und kam allen sehr dadurch entgegen, dass sie zu einem ausführlichen Coaching bereit war, um die Projekte darin zu unterweisen, in welcher Weise falsch das Formular auszufüllen sei, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen.

Formulare und Tabellen sind nicht nur störrisch sondern sie haben gegenüber der Wirklichkeit auch einen großen Vorteil, wenigstens aus der Sicht der öffentlichen Verwaltung, sie sind nicht so komplex – sie ermöglichen es, Entscheidungen zu treffen, die nachvollziehbar und dokumentierbar sind. Man muss nicht lange reden, überzeugen, nachdenken, Unwägbares ist ausgeschlossen.

Es ist noch nicht lange her, da gab es eine Referatsleiterin in der Berliner Sozialverwaltung, die genau aus diesem Grund ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern allen Ernstes verboten hat, sich die von ihnen geförderten Projekte in der Wirklichkeit anzusehen. Dadurch sei ihre Objektivität gefährdet, weil nicht dokumentierte subjektive Eindrücke eine Rolle spielen könnten.

Neuerdings begegnet uns diese Tendenz unter neuen Vorzeichen an anderer Stelle, paradoxerweise im Gewand des Qualitätsmanagements und des Wirkungscontrollings.
Auch hier zwei Beispiele:

  • Bei der Formulierung von Qualitätskriterien für die Arbeit der Stadtteilzentren habe ich mich vergeblich darum bemüht, die Formulierung von Qualitätsanforderungen als einfache indikative Feststellungen durchzusetzen, z.B. „Jeder Besucher wird freundlich behandelt“. Ich musste mich belehren
    lassen, dass es im Qualitätsmanagement zu heißen habe: „Die Einrichtung kann belegen, dass jeder Besucher freundlich behandelt wird“, weil das ja im Qualitätshandbuch überprüfbar sei, der einfache indikative Satz aber nicht. Auch das ist für mich ein Beispiel für Virtualisierung:
    die Dokumentation wird wichtiger als das, was damit belegt werden soll.
  • Bei der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, die auch für den Jugendbereich zuständig ist, will man ein Wirkungscontrolling einführen. Dabei hat sich die These durchgesetzt, nur Quantitatives sei messbar. Deswegen
    könnten für die Wirkungskontrolle nur Zahlenwerte als Indikatoren taugen, weil sie den notwendigen Abgleich von Soll- und Ist-Zahlen ermöglichten. Da das im Bereich der Jugendarbeit nicht ganz einfach ist und man es den Trägern (und sich selbst als federführende Verwaltung) auch nicht allzu schwer machen wollte, wurde z.B. einem Zuwendungsempfänger die Zahl der Sitzungen pro Jahr als Messwert vorgeschlagen – leicht zu erfassen, leicht abzugleichen. Wirkungskontrolle ohne Nebenwirkungen.

Dass sich solche Tendenzen zunehmend breit machen können, hängt mit einer Kapitulation des gesunden Menschenverstandes gegenüber Systemen zusammen, die einmal als Hilfsmittel gedacht waren – und natürlich gegenüber denjenigen, die diese Systeme bedienen, für die es andere als sozialarbeiterisch-fachliche Qualifikationen braucht.

Die Fachlichkeit in der öffentlichen Verwaltung ist auf dem Rückzug, aber auch bei vielen freien Trägern sind es die Schlaumeier und – mit Verlaub gesagt, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen – ein bestimmter Schlag von Sozialmanager/inne/n, die sich vor allem darin auskennen, diese Systeme zu „spielen“ oder zu bedienen – und dabei durchaus erfolgreich agieren.

Aber wie beim Immobiliencrash geht dieser Krug nur so lange zum Brunnen, bis der Henkel bricht.

Ich möchte Ihnen mein Lieblingsbeispiel dafür erzählen:

Man hat vor ein paar Jahren in Berlin begonnen, eine sog\. Kosten- und Leistungsrechnung einzuführen, um die Kosten für öffentliche oder öffentlich geförderte Dienstleistungen in den einzelnen Bezirken besser miteinander vergleichen zu können. Für den Bereich der Jugendarbeit und der Jugendsozialarbeit wurde als Maßeinheit die sog. Angebotsstunde festgelegt. Der Grundgedanke dabei ist, dass nicht mehr die bezahlte Arbeitsstunde der Mitarbeiter/innen für die Kostenberechnung herangezogen wird, sondern nur noch das zählt, was unmittelbar dem Endverbraucher „angeboten“ wird. Das führt bei genauer Zählweise dazu, dass EIN Angebot, wenn es von mehreren Mitarbeiter/inne/n gemeinsam gemacht wird, nur als EINE solche Angebotsstunde berechnet werden kann. So weit, so gut. Aus diesem Instrument zu einer zwar nicht besonders sinnvollen, aber – bei Anwendung gleicher Maßstäbe – immerhin denkbaren Vergleichsberechnung wurde nach einiger Zeit ein ZUWEISUNGSMODELL des Finanzsenators. Den Bezirken werden die landesdurchschnittlichen Kosten einer bestimmten Menge von solchen „Angebotsstunden“ erstattet, was im Effekt zu einer inflationären Spirale führt: die Bezirke melden immer mehr Angebotsstunden, um ihre Finanzierung zu sichern, das senkt automatisch die durchschnittlichen Kosten für das Folgejahr, was nur durch die Meldung einer weiter erhöhten Anzahl von Stunden zu kompensieren ist etc. Die Bezirke, wenigstens einige, lieben es, den schwarzen Peter an die Träger weiterzugeben und diese ihrerseits zu verpflichten, eine ständig steigende Zahl von solchen Angebotsstunden zu melden – bzw. offiziell heißt es natürlich: diese zu leisten. Uns wurde ein entsprechender Leistungsvertrag vorgelegt, mit dem unsere Mitarbeiter verpflichtet werden sollten, mit ca. 70 bezahlten Stunden pro Woche an die 100 Angebotsstunden pro Woche zu erbringen. Schon physikalisch ein Ding der Unmöglichkeit, denkt der Laie. Nicht so die Verwaltungsmitarbeiterin für das Rechnungswesen, die einen fachlich sehr interessanten Vorschlag machte:

Ein Mitarbeiter könne doch z.B. mit zwei Gruppen gleichzeitig arbeiten, mit Jugendlichen auf der einen Seite und mit jungen Müttern auf der anderen Seite des Raumes – so seien problemlos mit einer Mitarbeiterstunde zwei Angebotsstunden zu leisten.

Der Schwanz schickte sich an, gewaltig mit dem Hund zu wedeln.

Und wenn man sich gegen einen solchen Unsinn wehrt, bekommt man von der Verwaltung das Gefühl vermittelt, der letzte Moralist oder schon so eine Art Fundamentalist zu sein, bekommt man doch immer wieder zu hören: Alle anderen unterschreiben doch solche Verträge auch …

Die bisherigen Beispiele betrafen im Wesentlichen die Akzentverschiebung vom Hilfsmittel zum Herrschaftsinstrument.

Im übertragenen Sinne betreffen diese Tendenzen aber in gewisser Weise die helfenden Berufe im Allgemeinen.

Ich muss mich aus Zeitgründen kurz fassen, deswegen nur ein paar thesenhafte Schlaglichter:

Im Radio kommt die Meldung, die Arbeitslosenzahlen seien unter 10 Prozent gesunken.

Frage: Wer erbleicht?
Der Kollege aus dem Projekt zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der jetzt fürchtet, seinen Job zu
verlieren.

Aus dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung lässt sich ablesen, dass die soziale Lage in weiteren Gebieten schlechter geworden ist. Frage: Wer frohlockt?

Der Quartiersmanager.

Das klingt abwegig, aber es ist Realität. Vor ein paar Jahren war ich in Hannover auf einer Tagung, auf der der Geschäftsführer eines relevanten Trägers als großen Erfolg verkündete, dass die Zahl der Gebiete der Sozialen Stadt sich im Laufe eines Jahres verdoppelt habe. Heute könnte er noch mehr triumphieren – inzwischen hat es eine Verfünffachung gegeben.

Und so hat denn auch vor noch nicht einmal einer Woche in Berlin allen Ernstes – und stolz angekündigt vom Bundesbauministerium – ein JUBILÄUMSKONGRESS „10 Jahre Soziale Stadt“ stattgefunden. Dass in den vergangenen zehn Jahren das Elend allgemein zugenommen hat, war Anlass für eine Veranstaltung, die tatsächlich diesen Namen trug.

Die soziale Not – ein riesiges Arbeitsbeschaffungsprogramm für helfende Zünfte.

Der Schwanz wedelt mit dem Hund. Ein amerikanischer Kollege hat das einmal sehr schön im vergleichenden Blick auf deutsche Handlungsansätze gesagt:

Wenn es in Deutschland ein Problem gibt, schickt man sich nicht an, Lösungsstrategien zu entwerfen, sondern man entwirft ein Projekt. Dann beantragt man dafür Mittel, das Projekt wird ins
Leben gerufen und die Mitarbeiter hoffen darauf, dass es genügend angenommen wird, um einen symbolischen – man könnte auch sagen – virtuellen Beitrag zur Problemlösung vorweisen zu können.

Das ist ein verdammt teurer Mechanismus, der aber den beschränkten Handlungsmöglichkeiten von Politik und Verwaltung in gewisser Weise entspricht. Sie können sich Lösungen nicht anders vorstellen, als dass sie mehr Geld dafür ausgeben, um sie zu kaufen. Und da von dem notwendigen Mehr an Geld immer weniger vorhanden ist, ist ihnen symbolisches Handeln dann doch lieber als ein energischerer Versuch, die Probleme bei den Wurzeln zu packen.

Wir können davon ausgehen, dass die KRISE, an deren Anfang wir stehen, es notwendig machen wird, mit der Mehrzahl der Spielereien und Ärgerlichkeiten, über die ich berichtet habe, SCHLUSS zu machen. Wie alle untergehenden Systeme werden auch diese Mechanismen sich im Todeskampf noch einmal besonders unangenehm aufbäumen.

Wir sollten uns davon nicht allzu sehr irritieren lassen. Diese Systeme haben keine Zukunft und wir sollten mit dazu beitragen, dass der Schwindel aufhört und uns daran machen, auf dem Boden der Tatsachen zu wirklichen Problemlösungen beizutragen.