Aus meiner Rede auf einer Kreisvollversammlung der SPD-Lichtenberg zum Verhältnis zur PDS im Jahr 2000

Heute bin ich 31 Jahre alt.

Mit 18, also 1987, trat ich in die SED ein. Ich war 100%ig von der Überlegenheit des Sozialismus überzeugt.

Ob die SED nun Gutes oder Unfug trieb, ich wollte zu denen gehören, die den Kurs bestimmten. Widerstand- oder Bürgerrechtsgruppen kannte ich damals nicht.

In der SED traf ich Freunde und Idioten, Reformer und Betonköpfe, ehrliche Parteiarbeiter und Karriereristen.

Am Tag als der “Sputnik” verboten wurde und für mich die Zeit zum öffentlichen Protest gekommen schien, schüttelten die Arbeiter in dem Werk, in dem ich gerade eine Ausbildung absolvierte, desinteressiert den Kopf. Das Sputnikverbot interessierte dort und an zu vielen anderen Orten niemanden.

Radikal und unversöhnlich war ich gegenüber Unentschlossenen und Zauderern. Konnte man ein guter Mensch sein und sich trotzdem nicht für Politik interessieren?

Gorbatschow und die Perestroika kamen, ich hielt in der SED Vorträge über Gorbis Thesen, rechnete vor, wer die dort vorgeschlagene Amtszeitbegrenzung bereits überschritten habe. Ich gestaltete eine Wandzeitung über Sinn und Unsinn des 40.Republikgeburtstages. Meine größten Kritiker (“Du rüttelst an den Grundfesten des Sozialismus.” und meine größten Verteidiger kamen aus der SED.

Als besonders belastend empfand ich immer den Stil der innerparteilichen Auseinandersetzung. Wie erbittert und hart die Auseinandersetzung “unter Freunden” geführt wurde, war mir unverständlich.

Die Wende kam.

Ich konnte mich nicht so recht freuen, über meine Landsleute, die aufgeregt und enthusiastisch die 100 DM Begrüßungsgeld in Empfang nahmen.

Ich konnte mich nicht freuen, über 200%ige Genossen, die flink die Seiten wechselten.

Ich blieb in der SED.

Ich wollte zu meiner Vergangenheit und zu meiner Verantwortung stehen.

Ich verfolgte den SED-Parteitag, auf dem Gregor Gysi zum Parteivorsitzenden gewählt wurde. Sein Elan und seine Kampfeslust taten gut.

Rudolf Bahro, der Verfasser der “Alternative”, der u.a. deshalb aus der SED ausgeschlossen worden war, trat auch auf. Die Delegierten empfingen ihn mit Häme und Unverständnis. Diese Intelligenzfeindlichkeit, die Art, wie andere Ideen, die nicht mehrheitsfähig waren, abgelehnt wurden, schmerzten mich.

Bei Veranstaltungen mit der PDS-Führung fühlte man sich heimisch in einer bunten Truppe; alternativ und weltoffen wurde diskutiert.

Daheim an der Basis: Beton, Schubladendenken, Klassenkampf-Rhetorik.

1991 arbeitete ich einen Monat in einer internationalen Brigade in Cuba. Es war eine Reise in die Vergangenheit. Ich hatte mich, ohne es zu merken, verändert. Ich konnte nicht mehr die Klappe halten zu Personenkult und westlicher Revolutionsromantik (Viva la revolucion, aber bitte mit Coca-Cola und Westschokolade) und die 2-Klassengesellschaft im Campamento (Mitglieder der Bruderparteien waren etwas Besseres als die Normalos).

Ich kam nach Deutschland zurück und wusste: Mein Platz kann nicht mehr in der SED-PDS sein.

Ich nahm eine politische Auszeit.

Ich studierte Geschichte, las Luxemburg, Kautsky und Bernstein im vollen Wortlaut. Schrieb später meine Magisterarbeit über die Ostberliner SPD bis 1961.

Ich wollte nicht ohne Politik leben. Die Grünen gefielen mir, aber ich bin nicht grün.

An der SPD faszinierte mich vor allem ihre Geschichte.

Friedrich Schorlemmer und Thomas Krüger trugen damals nicht unwesentlich zu meiner Entscheidung für die SPD bei.

Anfang 1995 stellte ich in der Abteilung Karlshorst meinen Aufnahmeantrag. Nicht wenige Sozialdemokraten dort waren skeptisch gegenüber dem einstigen SED-Mitglied. Es wurde sogar vorgeschlagen, eine Kandidatenzeit einzuführen.

Aber ich wurde Mitglied der SPD.

In der SPD traf ich Freunde und Idioten, ehrliche Parteiarbeiter und Karrieristen.

Ich glaube an die Demokratie….

Ich finde es schade, dass nicht mehr SED-Mitglieder, den Weg zur SPD gefunden haben.

Ich finde es schade, das sich viele Menschen auch durch uns ausgegrenzt fühlen und deshalb als kleine, aber um so süßere Rache die PDS wählen.

Lasst uns eine Politik machen, die nicht noch mehr Wähler in die Arme der PDS treibt…