Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

es geht im Leben um Teilhabe.
Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bedeutet Arbeit, die Ermöglichung von lebenslangem Wohnen in vertrauter Nachbarschaft, Bildung, Kultur, medizinische Versorgung.
Teilhabe – scheitert zu oft an alltäglichen Barrieren. 
Oder ganz banal gesagt: An fehlenden Toiletten und Parkplätzen.

Zwei Menschen sollen heute Abend den Ehrenamtspreis erhalten, zwei Menschen, die sich seit Jahren für Teilhabe stark machen und selbst mit einer Behinderung leben müssen: Mit Poliomyelitis. Kinderlähmung.
Ein Virus löst diese Krankheit aus, bei 90 % aller Menschen verläuft die Infektion ohne Krankheitsanzeichen. Nur bei einem Prozent kommt es zum Krankheitsbild der klassischen Kinderlähmung. 
Sie, unsere Preisträger, die FRAU und der Mann, gehören zu diesem einen Prozent.

Die Krankheit wird nicht mehr beforscht.
Sie gilt in Europa als nicht nachwachsende Krankheit.
Nur sehr wenige medizinisch Tätige wissen über Polio und die besonderen Bedarfe der Erkrankten Bescheid. 
– Wo finden sich diese Wenigen? 
– Wo finden sich Praxen für Orthopädie, Neurologie und Physiotherapie, die sich mit dem Problem Polio auskennen? 
– Wie beantragt man eine Kur?
– Wie erkämpft man den Rollstuhl in der Spezialanfertigung, die es braucht?
– Wie schreibt man Widersprüche? 
Wie stärkt man bei all dem den Mut und die Kraft der Betroffenen?
Ohne Zweifel darf man sagen: Polio und die Spätfolgen beschäftigen einen Erkrankten rund um die Uhr. Ein Leben lang.

Die beiden heute zu Ehrenden haben jedoch eine Selbsthilfegruppe gegründet! 
Das Polioteam Nord. 60 Mitglieder haben sie, das jüngste ist 53, das älteste 80. 
Heinz Pfingst, der Gruppensprecher, geboren am 2. Oktober 1945 in Kiel, lebt seit 9 Jahren in Berlin. Er war Elektromechaniker, Erzieher in der Jugendarbeit, hat über 35 Jahre als Leiter einer Kirchengemeinde gearbeitet.

Im vergangenen Jahr im November war er 45 Jahre Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Die Dame, die ihn für diesen Ehrenamtspreis vorschlug, wusste das nicht. Für sie zählte allein sein Engagement für die Betroffenen.

Margot Pietsch, seine Stellvertreterin, ist am 16. Januar 1948 in Leipzig geboren, sie hat lange als Fernmeldemechanikerin bei der BVG gearbeitet, die letzten Jahre im IT-Bereich. Für ihre drei Kinder hat sie sich immer längere Auszeiten genommen, ungewöhnlich sei das damals in der DDR gewesen, sagt sie. Problemlos habe sie immer wieder in ihren Beruf zurückkehren können. Sie engagierte sich ein Leben lang gesellschaftlich, aktuell in einer aktiven und offenen Wählergemeinschaft, auch dort weiß sie Barrieren zu überwinden.

Sie beide, Heinz Pfingst und Margot Pietsch organisieren Mittel bei den Krankenkassen, kämpfen mit überbordender Bürokratie, organisieren Hilfe von Mensch zu Mensch, laden Experten in die Gruppe ein. Und: sie begreifen den Menschen in seiner Ganzheit. Geselliges und Seelenstärkung gehören deshalb ebenso zur Arbeit der Selbsthilfegruppe.
Ihre Selbsthilfegruppe trifft sich seit 6 Jahren monatlich im LIBEZEM hier in Lichtenberg. 
Es gibt genau 3 Behindertenparkplätze. 
Mindestens sechs würden gebraucht.

Wir als SPD Lichtenberg sollten helfen, diese und andere Barrieren zu beseitigen.
Heinz Pfingst sagte mir: „ Die Polios haben ihr gesamtes Leben beweisen wollen, dass sie genau so gut sind, wie die gesunden. Oder noch besser.“

Heinz Pfingst und Margot Pietsch: Sie gehören zu den Besten. Deshalb wollen wir Sie heute Abend ehren.
Ich bitte Sie deshalb jetzt nach vorn zur Verleihung des Ehrenamtspreises 2014!