Matthias Vernaldi stellte mir als Gastbeitrag für meine Homepage seinen Vortrag zur Verfügung, den er im Rahmen der Ringvorlesung „Behinderung ohne Behinderte?! Perspektiven der Disability Studies“, Universität Hamburg, am 14.05.2012 hielt: Der Umgang unserer Kultur mit Behinderung – von der fürsorglichen Internierung zur Teilhabe zum kleinen Preis

Sehr verehrte Hörer, liebe Leute,

es freut mich sehr, dass ich heute hier stehen kann. Ich fühle mich geehrt, ein zweites Mal gefragt worden zu sein, ob ich mich an der Ringvorlesung beteilige. Allerdings kann ich nicht versprechen, dass ich die Erwartungen erfülle, die von 2010 her in mich gesetzt sind. Damals ging es um Sex! Das heutige Thema ist wesentlich trockener: „Der Umgang unserer Kultur mit Behinderung – von der fürsorglichen Internierung zur Teilhabe zum kleinen Preis“.

Ich werde versuchen, den Umgang unserer Kultur mit Behinderung von drei Aspekten aus zu beleuchten: zum Einen vom traditionellen Standpunkt der Fürsorge aus, zum Anderen aus der Warte der Verwertbarkeit, bzw. des gesellschaftlichen Nutzens, und zuletzt aus emanzipatorischer Sicht. Auch wenn es außer Frage steht, sage ich es hier noch einmal: Dies ist eine subjektive, bzw. eine stark von meiner Subjektivität geprägte Darstellung. Jeder dieser drei Aspekte des Umgangs mit Behinderung beeinflusst mein Leben – und das sehr umfassend. So stehen für mich Fürsorge, Verwertbarkeit und Emanzipation für Ausgrenzung, Abwertung und Ermächtigung. Selbstverständlich greifen diese drei Aspekte ineinander und lassen sich nicht einfach einem Schwarz-Weiß/Gut-Böse-Schema zuordnen. Ich bin bemüht, das im Blick zu behalten. Wenn ich gelegentlich trotzdem in meiner Darstellung zu kurz greife oder generalisiere, dann schuldet dies bitte meiner Subjektivität.

Wenn wir vom Umgang unserer Kultur mit Behinderung sprechen, muss zu Beginn erwähnt sein, dass unsere Kultur -die industrialisierte, demokratische westliche Moderne, wie sie etwa seit Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden ist – dass sie Behinderung erst konstruiert und hervorgebracht hat. Das hört sich jetzt komplizierter an, als es ist. Ohne diesen gesellschaftlichen Konstruktionsvorgang würden wir heute gar nicht auf die Idee kommen, Menschen, die nicht laufen können, die nicht sehen können, oder deren kognitive Fähigkeiten eingeschränkt sind, in einer Gruppe zusammenzufassen und zu fragen, wie unsere Kultur mit dieser Gruppe umgeht. Industrialisierung, damit einhergehende allgemeine nutzbare Technologien und in der Breite der Bevölkerung angestrebter Wohlstand haben die Notwendigkeit öffentlichen sozialen Handelns erst geschaffen. Die Konstruktion von Behinderung ist die Manifestation des Gedankens, dass es Teile der Gesellschaft gibt, die ohne direkte in Alltag und Intimität hineinragende Hilfe von anderen Menschen nicht leben können, und dass diese Hilfe öffentlich geleistet werden muss. Dieser Gedanke ist eine wesentliche Grundlage des Sozialstaates. Die Bedeutung des Wortes „Behinderung“, wie wir sie hier gebrauchen, ist in der Umgangssprache erst in den 60er und 70er Jahren angekommen. Meine Pubertät liegt knapp vier Jahrzehnte zurück. Da legten wir Wert darauf, als „behindert“ bezeichnet zu werden. Gemeinhin galten wir als „versehrt“ oder „gelähmt“. Die Alten nannten uns gar „Krüppel“. Der behördliche Sprachgebrauch hatte deutlich Vorlauf. In den 20er Jahren taucht das Wort vereinzelt in Gesetzestexten zur Versorgung von Kriegsversehrten auf und nach dem 2. Weltkrieg verbreitet es sich in Verwaltung, Justiz und Medizin. Die wesentlichen Prozesse der Zuweisung, Aussonderung und Institutionalisierung hatten zu dieser Zeit längst stattgefunden. Legte ich in meiner Jugend noch Wert darauf, „behindert“ genannt zu werden, strebt das ein jugendlicher Rollstuhlfahrer heute nicht mehr so ohne weiteres an. Gibt es einerseits das krampfhafte Bemühen um politisch korrekten Sprachgebrauch („Menschen mit Behinderung“ oder gar „anders befähigt“), dient andererseits auf Schulhöfen und Dancefloors die Ansage „ey, Alter, bist du voll krass behindert, oder was?“ schon seit gut 15 Jahren garantiert nicht der Erkundung des Hilfebedarfs des Gegenübers. Dem sozialpädagogisch nicht so Beschlagenen verwundert in den letzten Jahren das Auftauchen sogenannter „weicher“ Behinderungen. Damit werden hauptsächlich im Kita-, Schul-und Ausbildungsbereich Verhaltensauffälligkeiten, Sprachprobleme ohne Migrationshintergrund oder Lernschwierigkeiten bezeichnet. So kann es also geschehen, dass nun gerade einer, der die Frage „ey, Alter, bist du voll krass behindert, oder was?“besonders häufig und lautstark stellt, selbst als behindert eingestuft wird. Gleichzeitig lässt sich seit etwa fünf Jahren der Trend beobachten, junge Menschen, die dissoziale Verhaltensmuster aufweisen, in Werkstätten für behinderte Menschen unterzubringen. Unter Dissozialität versteht man hier, was bisher unter „krimineller Gefährdung“, „permanenter Normenverletzung“ oder „Milieuschädigung“ abgehandelt und mit mehr oder weniger gezielten Programmen wie Eingliederung ins Arbeitsleben oder Gewaltprävention angegangen wurde.

Mit dieser Subsummierung sind wir wieder an den Ursprüngen der Entstehung der öffentlichen Wohlfahrt angelangt. Ihre Leistung war die gesellschaftliche Lösung eines neuen und sehr drängenden Problems: das Auffangen und Versorgen der Armen und Bedürftigen – der im aufgekommenen kapitalistischen Verständnis Nutzlosen und Unpassenden. In der vorindustriellen Zeit wurden die nötigen Hilfen von der Familie und der Nachbarschaft erbracht. Die Ressourcen dafür waren in der Hauptsache aus zwei Gründen vorhanden: Der überwiegende Teil der Produktion erfolgte in der Landwirtschaft und im Handwerk (also hausnah) und einer Familie gehörten viele Personen und Generationen an, die nahe beieinander, oft sogar auf einem Grundstück wohnten. Wenn man mittags vom Feld kam, bog man noch schnell in den Stall ab, um der Kuh frisches Stroh hinzuschütten, und aufs Altenteil, um Opi den Arsch abzuwischen. Mit der Industrialisierung änderte sich das. Die Produktion erfolgte nun in Manufakturen und Fabriken, die oft weit entfernt vom Wohnort lagen. Die meisten hatten nicht die Wahl, in einer dieser Fabriken zu arbeiten oder nicht. Wenn sie überleben wollten, mussten sie ihre Arbeitskraft verkaufen. Überhaupt funktionierte die neue Welt ganz anders als die bisherige. Alltag und Lebenswelt gestalteten sich im 19. Jahrhundert innerhalb weniger Generationen grundlegend um. Bis dahin war der Einzelne eingebunden in familiäre, ständische, geografische und religiöse Zusammenhänge. Eigentlich muss ich bei dieser Reihenfolge als Theologe schon innehalten. Sie ist modern und säkular. Solange die Theologie die Königswissenschaft darstellte (und das war das ganze Mittelalter über bis in den Barock hinein der Fall) war man sich einig darüber, dass der Einzelne zuerst in religiöse Zusammenhänge eingebunden war. Dann kamen erst die anderen. Das zeigte sich am Umgang mit den Lebensphasen -Geburt war zum Beispiel ohne Taufe gar nicht denkbar – bis hinein in den Alltag, der auch von religiösen Zeremonien und Ritualen strukturiert war. Der Einzelne schwamm im großen Fluss einfach mit. Die überwiegende Mehrheit hatte wenig Entscheidungsdruck. Plötzlich kam es darauf an, im Takt zu bleiben, den die Uhr vorgab. Zeit wurde nicht mehr qualitativ gesehen, sondern quantitativ. Man musste zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten sein, um dort bestimmte Verrichtungen auszuführen. Dafür bekam man ein Abstractum, eine bestimmte Summe Geldes, die dann wiederum eingeteilt -also getaktet – und umgerechnet werden musste in Nahrung, Heizung, Miete, Kleidung. Auf einmal kam es darauf an, ständig Alltagentscheidungen zu treffen. Man stand nicht mehr am Morgen auf, sondern 4:00 Uhr. Dazu musste man wissen, wie spät es ist und zu dieser Zeit wach werden. Man bekam das Essen nicht mehr von der Meisterin zubereitet und vorgesetzt, sondern musste es kaufen und selbst eine Mahlzeit halten. Der Bauernhof oder der Handwerkerhaushalt teilten nicht mehr fraglos und selbstverständlich zu. Man musste selbst rationieren. Der Wochenlohn, der knapp für Milch und Kohl, Kinderschuhe und Brennholz reichte, war auch schnell in der Spelunke in Branntwein umgesetzt und mit einem Mädchen durchgebracht. Die meisten Arbeiten, die in der Industrie gefragt waren, fanden am Fließband oder ähnlichen maschinellen Zusammenhängen statt. Stupide Einzelverrichtungen, die ständig wiederholt werden mussten, waren gefragt. Die Menschen waren den Produktionsabläufen der Maschinen nachgeordnet. Sie mussten all die Dinge tun, zu denen die Technik nicht in der Lage war. Sie waren zu Dienern der Maschinen geworden. Neben dem Stress wegen der engen zeitlichen Taktung und der Monotonie der Tätigkeit, war vor allem frustrierend, das Produkt nicht mehr von Anfang bis Ende zu fertigen. Man schuf die Ware nicht mehr selbst, sondern war reduziert auf eine eng begrenzte Funktion im Produktionsablauf, den ein gebrochenes Zahnrad nachhaltiger zu stören wusste als der Ausfall eines Arbeiters. Die Menschen arbeiteten nicht mehr als früher, oft sogar weniger, aber sie taten es außerhalb ihrer festgefügten und übersichtlichen familiären und ständischen Zusammenhängen. Viele mussten sogar an der Maschine schlafen. Die Arbeitszeiten betrugen bis zu 14 Stunden am Tag. Die Arbeiter sanken unmittelbar neben der Maschine erschöpft auf ein Strohlager und wenn sie erwachten, ging es für sie sofort weiter im Takt. Das ganze bis zu 10 Tagen, bevor sie für ein Wochenende nach Hause konnten. Familienangehörige -also Ehepartner oder Eltern und Kinder -sahen sich nur noch kurze Zeit, nämlich wenn sie erschöpft und zum Essen und Schlafen nach Hause kamen. Die familiären – überhaupt die menschlichen – Bindungen litten darunter. Gefühlsökonomisch legte das den Grund zur modernen Kleinfamilie von Vater-Mutter-Kind. Nicht mehr die profanen hergebrachten Bezüge geben die Bindung vor. Der moderne Mensch muss sich für die Bindung entscheiden. Dazu bedarf es großer emotionaler Attraktionen wie Verliebtheit oder Elternliebe. Ein Paar schafft es unter den neuen Bedingungen mit Mühe, sich gegenseitig abzusichern und die Kinder aufzuziehen, aber Ressourcen für die pflegebedürftige Großmutter, die blinde Tante oder den verwaisten geistigbehinderten Neffen bleiben da nicht. Sie waren seither eine viel größere Belastung und endeten häufig verlassen, unterversorgt und verwahrlost auf der Straße. Überhaupt stieg die Zahl der Elenden. Sie setzte sich aus denen zusammen, die nicht in das neue Verwertungssystem passten. Auf den Straßen der neuen boomenden Industriestandorte fanden sich Kleinkriminelle, Bettler, Obdachlose, Gaukler und Gelegenheitsprostituierte. Nicht, dass es diese Elenden nicht auch schon zuvor gegeben hätte. Bisher waren sie aber besser in die Zusammenhänge eingebunden (z. B. hatten auch Bettelleute ihre zünftigen Regeln). Wichtiger aber war, dass sie jetzt erst als Problem und Gefahr betrachtet wurden.

Bisher haben wir das Vorfeld der Entstehung des modernen Sozialstaates -sprich: das Vorfeld der Entstehung von öffentlicher Fürsorge und Wohlfahrt -unter dem Aspekt der damals neuen kapitalistischen Verwertbarkeit des Individuums betrachtet. Dieser Verwertungsdruck schuf neue Probleme -soziale Probleme. Nun kommt der emanzipatorische Aspekt dazu, ohne den die moderne Wohlfahrt undenkbar wäre.  Die Mutter aller emanzipatorischen Bewegungen ist nicht etwa die feministische Bewegung, sondern die bürgerliche Emanzipation. Aus ihr erwuchsen im 19. Jahrhundert sowohl die Emanzipation des Proletariats -die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung – und in Ansätzen auch schon die Frauenbewegung. Die bürgerliche Emanzipation geht einerseits mit der republikanischen Staatsform einher, die im Europa des 19. Jahrhunderts eine revolutionäre Idee ist, die Herrschaft von der Entscheidung der Masse abhängig macht und nicht mehr von überlieferten Privilegien. Andererseits prägt sie sich in der revolutionären Jahrhundertmitte gerade im restaurativen Biedermeier aus. Es steht für die Demokratisierung des Wohlstands. Die Ausbildung der Industrie und damit verbundene massenhafte Produktion von Waren machte es möglich, die Masse der Bevölkerung an sozialer Absicherung, medizinischer Grundversorgung und der Befreiung von der permanenten Infragestellung von Nahrung und Unterkunft teilhaben zu lassen. Der kleine Beamte, der Vorarbeiter, Lehrer und Bäcker konnten eine gesicherte Existenz aufbauen. Kulturell war das von Ruhe und Beschaulichkeit gekennzeichnet. Der Furor der Revolte, die Idee von der Herrschaft des Volkes wurde konterkariert vom kleinbürgerlichen Idyll. Die Leute ahmten den Lebensstil der Oberschicht nach. Sie klebten sich buntes gemustertes Papier an die Wände, um die Seiden-Damast-Tapeten der Paläste nachzuempfinden. Hatten die kleinen Leute bisher nur ein paar Truhen, Schemel und Tische, so kamen jetzt Möbel in Schwang: Kommoden, Buffets, Polsterstühle und Chaisselongues -ganz wie in den Schlössern, nur etwas kleiner, damit es auch in die 40-qm-Wohnungen passte. Kanarienvögel in Käfigen und Camelien in Blumentöpfen auf der Fensterbank sollten an die Orangerien und Menagerien der Fürstenhöfe erinnern. Hatte man mit der Idee des Nationalstaates noch eine neue europäische Dimension in die Politik gebracht, beschränkte sich der Horizont nun auf die gute Stube. Aber die Idylle war in hohem Maße gefährdet. Gerade in den großen Städten brauchte die Hausfrau, die drinnen züchtig waltete, nur nach draußen zu treten, um auf dem Markt Einkäufe zu tätigen, da stand sie auch schon in Gefahr, an einen Beutelschneider ihre Barschaft zu verlieren oder von einem Tagedieb den Einkauf entrissen zu bekommen. Sie wurde angebettelt und beschimpft. Jeden Abend musste sie bangen, dass ihr Gatte unbeschadet von den Verlockungen der Restaurationen, Ausschänke, Tanzböden und leichten Mädchen den Weg nach Hause fand -und mit ihm seine Geldkatze, bzw. deren Füllung. Sobald es warm wurde, fanden sich oft Gruppen von bis zu 100 Landstreichern, Hausierern, Handwerksburschen und Gaunern, die über Land zogen. Wenn sie in die kleinen Dörfer kamen, fehlten die Wäsche von der Leine, das Gemüse aus dem Garten und die Kaninchen aus dem Stall. Es kam zu Übergriffen und Gewalttätigkeiten. Die Unpassenden störten nicht nur, sie gefährdeten Ruhe und Ordnung. Der emanzipatorische Ansatz des Bürgertums verhielt sich dieser Unterschicht gegenüber höchst ambivalent. Einerseits waren sie vom Ansatz her Gleiche. Sie hatten dieselben Rechte und damit auch grundsätzlich dieselben Perspektiven. Andererseits war dieses Gleichsein auch bedrohlich, denn sie stellten permanent die eigenen Abstiegsmöglichkeiten und Gefährdungen vor Augen. Mit offener Gewalt gegen sie vorzugehen, verbot sich einerseits vom Gleichheitsprinzip her, war aber auch nicht praktikabel. Der Polizeistaat, der flächendeckend große Bevölkerungsteile disziplinieren konnte, musste erst entstehen. Die großen Kirchen fanden eine Antwort, die gesellschaftlich tragfähig war. Sie bestand in der institutionalisierten Wohlfahrt, in Diakonie und Caritas. Und sie hatte von vornherein auch einen polizeilichen Ansatz. Nicht zuletzt waren Gründerväter der Diakonie wie Johann Hinrich Wichern und Theodor Fliedner auch innerhalb des staatlichen Gefängniswesens gefragt und wurden da tätig. Die Armenhilfe der frommen Kreise wurde erst in dem Moment relevant, wo sie über die bloße Mildtätigkeit von Suppenküchen, Nachtasylen und medizinischer Notversorgung hinausging -nämlich da, wo Häuser für die Armen gebaut wurden; nicht einfach dafür, dass sie von ihnen bewohnt würden, sondern Anstalten, Zuchthäuser, in denen ihnen Zucht und Ordnung beigebracht werden sollte. Der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern (1808-1881) gilt als die zentrale Figur der Diakonie. Er hatte in Wittenberg auf dem ersten deutschen evangelischen Kirchentag am 22. September 1848 (gerade mal ein halbes Jahr zuvor war die Revolution niedergeschlagen worden) eine zweistündige spontane Rede gehalten, in welcher er soziales Handeln als zentrales Tun der Kirchen in der Welt herausstellte, mit dem sich die Liebe Christi verwirklichen lasse. Diese Rede führte zur Gründung des diakonischen Werkes. Mit dem „Rauhen Haus“ hier in Hamburg, einer Einrichtung, in der er schon seit 1833 verwahrloste, verwaiste Kinder aufnahm und erzog, hatte er so etwas wie die Matrix der Anstalt geschaffen. Seine Programmatik bezüglich des Staates legte er so dar: „Die Anstalt trachtet danach, dem Wohle des Staates in Umbildung solcher Personen, welche ihm ohne diese Hilfe wie einen Krebsschaden würden eingewohnt haben, förderlich zu sein, ohne ihn je lästig zu wollen.“ (zitiert aus „Sämtliche Werke, 4/1“, Leipzig 1897). Die neuen Anstalten entstanden bald überall. Sie lagen meist außerhalb der Ortschaften und -von Mauern umgeben -bildeten eigene Örtlichkeiten: Es gab Wohnhäuser, Kirchen, Druckereien, Schulen, Werkstätten, Spitäler. Mit Bethel ist sogar eine ganze Stadt aus einer solchen Anstalt erwachsen. Es waren also schon topografisch und architektonisch Orte der Internierung. Alles, was nicht passte, fand sich nun dort wieder: Arbeitsscheue, Gauner, Blinde, leichte Mädchen, Krüppel, Säufer, Schwachsinnige, Irre, Waisen. Seither ist es ein Reflex, auf gesellschaftliche, vor allem soziale Probleme mit Internierung zu reagieren. Zwar liegt die Zeit der Arbeits-, Konzentrations-, Vernichtungs-, Straf- und Umerziehungslager (je nach Art des Regimes) drei bis sieben Jahrzehnte hinter uns, doch sind Flüchtlingslager undAbschiebegewahrsam weiterhin aktuell und das Pflege- und Betreuungsgetto kommt erst richtig in Schwung. Doch zurück zur Etablierung der Einrichtungen und Heime. Die Gesellschaft hatte durch die Entstehung der öffentlichen Fürsorge einen enormen Nutzen. Die Elenden verschwanden zunächst einmal von den Straßen, waren nicht mehr permanent präsent. Das schlechte Gewissen des Bürgertums angesichts der Armen und Haltlosen bekam nicht mehr täglich Futter. Es herrschte nicht nur mehr Ruhe und Ordnung im öffentlichen Raum, sondern auch in den Herzen und Köpfen. Und es gab erstmalig einen Ort, wohin die Unpassenden passten. Es entstand ein Verwertungszusammenhang. Aber auch die Internierten hatten etwas davon: ein Dach überm Kopf, Kleidung, Essen und medizinische Versorgung. Und sie wurden erstmals nicht als Müll wahrgenommen. Die Erweckungsbewegung, eine breite pietistische Strömung, welche die Diakonie von Anfang an trug, sah in jedem Menschen eine Seele, die zu Christus bekehrt und gerettet werden sollte. Jeder Mensch hatte den gleichen Wert, der darin bestand, dass Christus für seine Sünden den Kreuzestod gestorben ist und seine Erlösung vollbracht hat. Es ging darum, dass sich der Einzelne für Jesus entschied. In den Einrichtungen wurde darauf missionarisch hingearbeitet. Gleichzeitig ging es darum, dass der Einzelne es lernte, ein Leben in Würde, d. h. in bürgerlichem Anstand zu führen. Dazu wurden alle, bei denen so etwas Sinn hatte, konditioniert. Viele lernten es, sich zu disziplinieren und so der Verwertung zur Verfügung zu stehen. Für andere mussten spezielle Wege gefunden werden, zum Beispiel für die Blinden, die als Korbflechter und Besenbinder produktiv werden konnten. Diese Menschen kamen ganz oder zu Teilen heraus aus der Internierung und durchliefen halbwegs normale berufliche und bürgerliche Karrieren. Natürlich schmeckte einigen von ihnen der Branntwein dann doch wieder zu gut. Oder sie schafften es nicht, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. So durchliefen sie die Zucht- und Besserungsanstalt mehrere Male. Auch das kennen wir bis heute. Andere -Leute wie ich, die permanent die Hilfe anderer brauchten -hatten lebenslänglich. Sie kamen aus den Einrichtungen nie heraus. Gleichzeitig wurden sie zu Objekten, die den Kirchen besonders viel Renommee eingebrachten. Ihnen zu helfen, galt als besonders selbstlos und edel, weil von ihnen ja kein Profit zu erwarten war. Im ambivalenten Gefühlshaushalt verkörperten sie gleichzeitig das maximale Angst-und Zerrbild des Bürgertums, vor allem des protestantischen: der untüchtige, leistungsunfähige, hilfsbedürftige Mensch. Es gab (und gibt) große Ängste, so zu sein, auch nur einen Menschen in der Nähe zu haben, der so ist. Umso besser ließen sich für diese Arbeit Spenden einwerben, mit denen sich einerseits die Fürsorgewirtschaft alimentieren konnte. Andererseits erforderte das einen ständigen Kontakt der Kirchen zur Bevölkerung – und zwar über Veranstaltungen und Abkündigungen hinaus im konkreten Gespräch mit einzelnen potenziellen Spendern. Sowohl die Kirchen als auch die Glaubensinhalte blieben im Gespräch – und das vor dem Hintergrund eines enormen gesellschaftlichen Nutzens. Es sei noch kurz das Wirken des rheinischen Pastors Theodor Fliedner (1800 -1864) erwähnt, weil sich die Perspektiven der Fürsorge, der Verwertung und der Emanzipation darauf besonders gut werfen lassen. Er schuf das Amt der Diakonisse. Für die Arbeit in den Anstalten wurde Personal gebraucht, das kostengünstig war. Fliedner rekrutierte dafür unverheiratete Frauen. Eine bürgerliche Frau, die nicht verehelicht war, hatte innerhalb ihrer Schicht einen sehr niedrigen Wert. Selten konnte sie einer Erwerbsarbeit nachgehen. Es blieb ihr keine Wahl. Sie wurde in ihrer Herkunftsfamilie die verkniffene Tante und alte Jungfer, die miternährt werden musste. Fliedner holte diese Frauen und bildete sie für die Pflege, Mission, Sozialarbeit, das Gefängniswesen und die Schule aus. Er gab ihnen eine Tracht, die ähnlich der Tracht einer verheirateten Bürgersfrau war und organisierte sie in Schwesternschaften, die von Mutterhäusern ausgingen, welche für sie bei Krankheit und im Alter sorgten, sodass die Familie von dieser Pflicht entbunden war. Solange sie arbeitsfähig waren, schufteten sie für Kost, Logie und ein kleines Taschengeld unbehelligt von familiären Verpflichtungen und Beziehungsproblemen von morgens bis abends und oft auch noch die Nächte hindurch. Bald war ohne sie das Fürsorgesystem undenkbar. Ihre engagierte Arbeit hob das Niveau der Wohlfahrt ungemein. Sie waren für die Arbeit bestens qualifiziert, hoch motiviert und extrem kostengünstig. Aus der traditionellen Sicht der Fürsorge gaben die Diakonissen dem entstehenden Wohlfahrtsystem die nötige Stabilität. Sie waren sowohl fachlich als auch ökonomisch die Garantie dafür, dass die Arbeit, die getan werden musste, auch getan werden konnte. Die Unterbringung der Unpassenden in Anstalten stellte Internierung und Ausgrenzung dar. Das damit verbundene schlechte Gewissen der Gesellschaft ließ sich nur beruhigen, wenn klar war, dass gut für die Ausgegrenzten gesorgt war. Dafür standen die Diakonissen. Ihre Trach verlieh ihnen nun den Nimbus angesehener Frauen, allerdings kamen die meisten durch die umfangreichen Dienstzeiten selten in den Genuss, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. So waren die Internierenden – zumindest in den niederen Rängen – selbst Internierte. Trotzdem zogen sie aus dieser Arbeit emanzipatorischen Gewinn. Als Unverheiratete mussten sie nicht unter Abwertung und Ignoranz leiden. Im Gegenteil: Sie gingen einer gesellschaftlich und religiös hoch bewerteten Tätigkeit nach und gehörten innerhalb eines Heimes oder Spitals zu den unverzichtbaren Mitarbeitern. Das Modell boomte. Noch zu Lebzeiten Pastor Fliedners gab es bereits mehr als 80 weltweite Stationen und 25 Mutterhäuser. Als sich mit der fortschreitenden Industrialisierung die Stellung der Frau auch säkular veränderte, nahm die Attraktivität des Diakonissenstandes schnell wieder ab. Nach dem 2. Weltkrieg rekrutierte sich selbst aus den frommen Familien kaum noch Nachwuchs für die Schwesternschaften. Die Diakonissen zeigen deutlich die Verquickung emanzipatorischer Gehalte mit dem Verwertungssystem. Sie konnten ihre diskriminierte Position nur verlassen, weil sich mit der Fürsorge ein neuer Verwertungszusammenhang etablieren musste. Nicht nur die zu Befürsorgenden, auch sie als die Fürsorgenden waren zuvor nicht verwertbar. Und -das kam ja schon vorhin zur Sprache -dass überhaupt eine Fürsorge in dieser Form entstand, aus der schließlich der moderne Sozialstaat erwuchs, hatte seine Ursache im bürgerlichen Menschenbild, welches alle Menschen vom Grundsatz her für gleich wert hielt und jedes Individuum für wichtig. Die Versorgung der Behinderten legitimierte die Kirchen in einer sich rasant säkularisierenden Umgebung, stiftete Sinn für das Personal und ließ eine florierende Fürsorgewirtschaft entstehen. Die Gesellschaft hatte ein gewaltiges neues Ordnungs- und Gewissensproblem gelöst. Die Verlierer waren eindeutig die Behinderten. Sie lebten wie Gefangene -separiert von öffentlichen Leben und der alltäglichen Kommunikation, ihrer bürgerlichen Grundrechte, ihres Handelns als Subjekt beraubt. Die Wohlfahrt hatte emanzipatorische Anteile, in ihrer Grundlage und in weiten Teilen vorfindlichen Realität war sie aber paternalistisch. Der Paternalismus hat seine Wurzeln in der Frühantike. Im Berliner Pergamonmuseum sind Tontafeln aus dem Mesopotamien des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung ausgestellt, auf denen in Keilschrift festgehalten ist, was wir dann in den Psalmen und Prophetensprüchen des Alten Testaments immer wieder finden -nämlich, dass der König ein Hort für die Witwen und Waisen im Land ist, eine Stimme der Elenden, ein Stütze der Schwachen usw. Dieses frühantike Königtum hatte noch sehr viel von seiner Herkunft -der neolithische „Häuptling“ gebot meist über ähnlich große Gebiete und Köpfe. Der König war also (zumindest entfernt) allen Untertanen persönlich bekannt. Seine Macht erhielt er durch die kulturelle aber auch persönliche Zuschreibung seiner Untertanen und ergab sich konkret vor Ort aus seinem Handeln. Dieses einfache autoritäre Prinzip funktionierte schon in der Hochantike nicht mehr. Im beginnenden Industriezeitalter, der Massengesellschaft, die begann, sich in Nationen und Kontinenten zu begreifen, war die Idee, dass der Starke und Mächtige den Schwachen gegenüber in der Pflicht stand, absurd und diente nur noch zur weiteren Entmächtigung der ohnehin schon Machtlosen. Wer bedürftig war, hatte keine Ansprüche anzumelden. Er musste dankbar nehmen, was er bekam. Die Wohlfahrt institutionalisierte die Ohnmacht der Bedürftigen. Nur so hatte sie ihren Gewinn.

Lösen wir uns jetzt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und nehmen einen anderenAufhänger, keine 100 Jahre später, an welchem das Versagen der Wohlfahrt offenbar wird: Der Massenmord an Behinderten und Kranken im nationalsozialistischen Deutschland, die sogenannte Euthanasie. Damit wurde der Verwertungsgedanke auf die Spitze getrieben. Die Wohlfahrt erübrigte sich, weil nichtverwertungsfähiges Menschenmaterial nur noch kurzzeitig selektiert werden musste – nämlich, um es zu vernichten. Die Euthanasie der Nazis – in den 30ern und 40ern des letzten Jahrhunderts gab es übrigens auch in Serbien, Schweden und anderen europäischen Staaten die Praxis der Euthanasie ist undenkbar ohne die Entwicklung der Medizin zur Königswissenschaft. Die Medizin vollbrachte im Verlauf des 19. Jahrhunderts plötzlich wahre Wunder. Wachte man bis dato an einem trüben Herbstmorgen mit einem hartnäckigen Husten auf, war es nichts Ungewöhnliches, kurz darauf zum Kirchhof getragen zu werden. Nun ging man zum Arzt, der verschrieb irgendeine Substanz gegen irgendwelche unsichtbaren Wesen und man wurde tatsächlich gesund. Man stand der Verwertung wieder voll zur Verfügung. Im Zeitalter der Maschinen konnte endlich auch der Körper als Mechanismus definiert werden. Nur durch das Zerlegen des Ganzen in seine Einzelteile konnte die Funktionalität des Menschenleibs überhaupt begriffen werden. Das war schon im Mittelalter das Bestreben fortschrittlicher Anatomen. Allerdings geschah das Sezieren von Leichen unter dem ablehnenden Blick der Umgebung, insbesondere der tonangebenden Kirche. Es wäre mindestens eine Dissertation wert, herauszufinden, ob nicht erst das Wirken der Anatomen der Renaissance und deren Vorstellung des Körpers als Mechanismus die Maschinen der Produktion hervorgebracht haben. Jedenfalls gab es in der Medizin im 19. Jahrhundert analog zum Produktion einen ungeheuren Zuwachs an Wissen und Technologie. Man hatte nun verstanden, wo etwas geschraubt, geschnitten, ersetzt werden musste, welche Substanz zuzuführen und welche zu mindern ist, um die Körpermechanik wieder in Gang zu bringen. Einerseits waren die Ärzte also Mechaniker, andererseits wurden sie zu den Halbgöttern in Weiß. Die Halbgötter kränkte es, wenn ihre Macht in Frage stand, z. B. durch Leute wie mich, an denen sie schrauben und schneiden konnten, soviel sie wollten, die aber partout nicht funktionieren wollten. Der Mechaniker sagte: „Das ist minderwertiges Material. Das können wir wegschmeißen!“ Der Halbgott: „Wir erlösen ihn von seinem Leiden.“ Gemeint war dasselbe -wenn das Leiden an einem Menschen nicht beseitigt werden konnte, musste eben der Mensch beseitigt werden. Die Medizin beschrieb den Menschen als Funktionszusammenhang, nicht mehr als Wesen. Wenn dieser Funktionszusammenhang gestört war und von der Medizin nicht mehr hinreichend hergestellt werden konnte, lief das Individuum Gefahr, das Lebensrecht abgesprochen zu bekommen. Die traditionelle Fürsorge, die ja aus einer sehr frommen christlichen Ethik hervorging und dieser immer auch verpflichtet war, stand spätestens dann, wenn es um Tötung ging, gegen den Trend einer rein technokratischen und utilitaristischen Bewertung des Menschen. Im Vorfeld jedoch war sie dagegen nicht gefeit. Es waren z. B. Anstalten der Diakonie (hier besonders Bethel), die bereits zur Jahrhundertwende im Umfeld der Ideen von Volksgesundheit und Kriminalbiologie zu den Pionieren und Vordenkern von Zwangssterilisation und sogar -kastration behinderter Menschen gehörten. Die Euthanasie lieferte die technologische Grundlage (z. B. Zyklon B) für die nachfolgenden Morde an Juden, Roma, Homosexuellen. Die Behinderten waren die erste Opfergruppe. An ihnen wurde der industrielle Massenmord sozusagen noch geübt und verfeinert, bevor er in der Breite angewandt werden konnte. Sie wiesen gegenüber den anderen potenziellen Opfern einen großen Vorteil auf: Man musste sie nicht internieren; sie waren es bereits. Spätestens hier zeigt sich das Versagen der Wohlfahrt und auch der kirchlichen Ethik. Die meisten Anstalten arbeiteten mit den staatlichen Behörden zusammen, stellten selektierende Listen ihrer Insassen zusammen und gaben diese Menschen dann auch in die Tötungsanstalten. Das hatte damit zu tun, dass die Fürsorge -wie gesagt -paternalistisch war, also autoritär und obrigkeitsfixiert. Das machte sie (wie die meisten Christen in Deutschland übrigens) anfällig für das nationalsozialistische Gedankengut und erst recht für das strikte gewalttätige Regime. Trotzdem: Es gab einen nennenswerten Widerstand gegen den Nationalsozialismus aus kirchlichen Kreisen und dieser hatte wesentlichen Anteil daran, dass das Euthanasieprogramm beendet wurde. Berühmt sind die Predigten des katholischen Münsteraner Bischofs Graf von Galen, in denen er den staatlichen Mord an Behinderten und Kranken öffentlich machte. Und es waren immer wieder Leiter von Anstalten, die sich der Erfassung und Kategorisierung ihrer Schützlinge und deren Abtransport erfolgreich widersetzten. Das couragierte Engagement dieser Einzelpersonen spricht jedoch gegen die Kirchen und die Wohlfahrt. Es wäre nicht nötig gewesen, wenn sich die großen Verbände sozialpolitisch und ethisch gegen das Verbrechen gestellt hätten. Darüber hinaus überwindet auch dieses Engagement nicht das Grunddilemma der Wohlfahrt: die absolute Abhängigkeit und Ohnmacht der Hilfebedürftigen. Es zeigt sich allein schon in der Einordnung und Kommunikation dieses Widerstandshandelns. Ein Beispiel: Ich verbrachte die letzten vier Schuljahre Mitte der 70er in Arnstadt in Thüringen im Marienstift einer Anstalt der Inneren Mission. Im Anstaltsgelände gab es zwei Tafeln, die auf die Nazizeit verwiesen. Eine erinnerte an Diakonissen, die getötet wurden, weil sie aus dem Luftschutzkeller noch einmal nach oben gingen, um dort noch verbliebene Kinder in den Schutzraum zu schaffen. Da begann bereits das Bombardement. Wenn sie getötet wurden, was geschah mit den Kindern? Warum standen sie nicht mit auf der Gedenktafel? Die andere Tafel war wesentlich repräsentativer. Sie nahm den Eingangsbereich des neuen Kinderheimes ein und lautete „Pfarrer Friedrich Behr (dann seine Lebensdaten), Vater der Körperbehinderten“. Es handelte sich um den Anstaltsleiter in der NS-Zeit. Er war den staatlichen Behörden mit einer strikten Weigerung bezüglich Erfassung, Kategorisierung und Überlieferung seiner Anstaltsinsassen gegenübergetreten. „Nur über meine Leiche“, soll er gesagt haben. Verständlich, dass sich eine Einrichtung mit solch einem Helden gern schmückt. Mir ist jedoch nicht eine Einrichtung der Diakonie oder des Staates bekannt, wo eine Gedenktafel an die Opfer der Euthanasie erinnert, die hier preisgegeben wurden. Im Marienstift gab es damals einen alten geistigbehinderten Mann: Rudi. Er war immer fröhlich und sehr kommunikativ. Der Anstaltsleiter zu meiner Zeit -ein Sohn des Friedrich Behr -, hatte Rudi zu seinem Maskottchen gemacht. Immer, wenn er über das Anstaltsgelände ging und Rudi sah, rief er ihn zu sich und scherzte mit ihm. Besonders gern tat er das, wenn repräsentativer Besuch von außen dabei war. Das hatte etwas von einem Zoodirektor, der sich öffentlich mit einem Affen inszenierte. Doch egal -Rudi hatte daran immer seinen Spaß und das Protektorat des Chefs brachte ihm im Alltag manchen Vorteil. Rudi sprach mit einer Fistelstimme und hatte kaum Bartwuchs. Es wurde erzählt, er wäre kastriert worden. Wo war da der Vater der Körperbehinderten? War er gar der Täter? Die Wohlfahrt hat aus ihrer eigenen Sicht bezüglich der Euthanasie versagt, weil sie ihr Menschenbild verriet und dem eigenen Anspruch des Schutzes und der Fürsorge gegenüber den Schwachen nicht gerecht wurde. Aus emanzipatorischer Sicht hat sie versagt, weil sie Hilfegewährung und absolute Abhängigkeit und Machtlosigkeit derer, die die Hilfe bekamen, installierte und zementierte. Anders gesagt: Die totale Ausgrenzung und Entrechtung behinderter Menschen, die das Wesen der Wohlfahrt kennzeichnen, führte zwangsläufig zu ihrer Vernichtung. Das wird nach Beendigung des aktiven Euthanasieprogramms der Nazis fatal deutlich. Der „heißen“ Phase folgte die „kalte“. Die Anstalten werden nach Hitlers Anordnung kaum noch mit Nahrungsmitteln, Medizin und Heizmaterial versorgt. In den strengen Wintern der Mittvierziger Jahre herrschten in den Räumen der Einrichtungen oft über Wochen Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und es gab nur dünne Suppen. Die Leute starben massenhaft an Unterernährung und Lungenentzündung. Die Opfer der Euthanasie werden mit ca. 300.000 Menschen beziffert. Wie hoch die Opferzahlen dieser Praxis sind, lässt sich nicht feststellen. Vor allem endete sie nicht mit dem 8. Mai 1945, sondern zog sich durch die gesamten Jahre des Nachkriegs. Oft blieb von den zugewiesenen extrem niedrigen Kontingenten noch nicht einmal alles bei den Behinderten. Viele Mitarbeiter nahmen Essen und Kohlen mit nach Hause für ihre Kinder.

Als Anfang der 90er der eiserne Vorhang gefallen war, liefen verstörende Bilder über die Bildschirme. Sie kamen aus den Karpaten und Sibirien, aber auch aus Ückermünde in Vorpommern und Bad Blankenburg in Thüringen. Schwerbehinderte mussten unter widrigsten Bedingungen dahinvegetieren. Sie waren an die Betten gefesselt und starrten den ganzen Tag die Decke an, oder wurden zu zehnt in einem Raum von 30 Quadratmetern gehalten, bekamen hartes Brot und bereits verdorbene Nahrungsmittel zu essen, erhielten ständig starke Beruhigungsmittel; ihre Kleidung in Fetzen, die Räume ungeheizt, die Fußböden bedeckt mit Exkrementen. Auch wenn solche Zustände im Ostblock in den 80ern und 90ern nicht flächendeckend waren, bekamen hier – fast ein halbes Jahrhundert später – behinderte Menschen von den knappen Ressourcen viel zu wenig ab und hatten keinerlei Möglichkeit, ihre Rechte einzufordern oder gar wahrzunehmen.

Das Motto dieser Vorlesungsreihe lautet „Behinderung ohne Behinderte“. Ich fasse es so auf, dass darüber nachgedacht werden soll, wie die Zuschreibung „behindert“ und die damit einhergehende Ausgrenzung und Abwertung überwunden werden kann. Vor dem Hintergrund des bisher Vorgetragenen sind weitestgehende Barrierefreiheit und großzügig gedeckter Hilfebedarf (so stellt sich unsereins das Behindertenparadies vor) nicht in der Lage, die Konstruktion des „Anderen“ aufzulösen. Trotzdem stellen derartige Forderungen und ihre mühselige Umsetzung in den letzten 40 Jahren den Zugang dar. Sie sind eindeutig der Emanzipation zuzuordnen. Der emanzipatorische Politikansatz geht nicht mehr davon aus, dass Bürgern Rechte gewährt werden, sondern dass sie sie haben und somit einfordern und deren gesellschaftliche Wirklichkeit selbst gestalten können. Niemand hätte von 30 Jahren gedacht, dass Schlagworte der Krüppelbewegung wie „Barrierefreiheit“, „Teilhabe“ und „Selbstbestimmung“ in den Sprachgebrauch der Politik, ja in Gesetzestexte, finden würden. Es hätte trotz allen Aufruhrs und aller Vehemenz, mit der auf die Diskriminierung verwiesen wurde, keine Erfolge gegeben, wenn nicht der „bürgerlichen Grundwert“ der Unverletzlichkeit der Person, der Unantastbarkeit der Menschenwürde vorhanden gewesen wäre, an den man appellieren konnte. Die Mehrheit hat also in den Forderungen und Ansprüchen der „Anderen“ die eigenen Forderungen an die Gesellschaft erkannt. Und damit ist für die Mehrheit ein wichtiger Schritt getan, das Andere nicht mehr das Andere sein zu lassen, sondern zum Eigenen zu machen. Es gibt Wohngruppen und Kleinstheime innerhalb ganz normaler Miethäuser in den Städten. Es gibt ambulante Versorgung und persönliche Assistenz. Viele Kindertagesstätten und Schulen sind in der Lage, behinderte Kinder aufzunehmen. Restaurants haben Rollstuhltoiletten, Straßenbahnen Einstiegshilfen. Vor 10 Jahren begann dann auch das hochoffizielle Reden vom „Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik weg von der Fürsorge hin zur Teilhabe“, wobei Fürsorge nicht institutionell gemeint war. Seit 2009 hat Deutschland die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen ratifiziert. Seitdem ist Inklusion das Schlagwort. Von der Begrifflichkeit her gesehen sind wir in der besseren Welt angekommen. Die Wirklichkeit entspricht dem nicht. Vor allem schwerbehinderte Bürger sind weiterhin und mitunter auch neuerdings massiven Benachteiligungen, Diskriminierungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Mit der Öffnung nach außen und der Ambulantisierung hat sich zum Beispiel die Versorgung und Förderung der in den Einrichtungen Verbliebenen (zumeist sind es Schwerstmehrfachbehinderte) deutlich verschlechtert. Teilhabe, Inklusion soll möglich sein, aber sie darf nichts kosten. Hier versickert der emanzipatorische Strom in der paternalistischen Wüste. Die öffentliche Hand gibt sich als der Wohltäter, der zahlt – oder auch nicht. Je nach Kassenlage kann Inklusion für einen wie mich Einschluss in die Gesellschaft, in die eigene Wohnung oder in die Einrichtung bedeuten. Eine Hilfeform wie die persönliche Assistenz, bei welcher derjenige, der die Hilfe bekommt, die Hilfe auch strukturiert, indem er bestimmt, wer bei ihm arbeitet, wie die Arbeitszeiten sind, was wie getan wird und wie die bereitgestellten Gelder konkret verwendet werden -eine solche Hilfeform, ohne die es für Menschen mit einem höheren Hilfebedarf eigentlich keine Selbstbestimmung gibt, muss immer wieder im Einzelfall erstritten werden. Wenn darüber hinaus noch das persönliche Budget beantragt wird, wird seitens des Kostenträgers oft erst einmal behauptet, so etwas gäbe es überhaupt nicht. Ist eine derartige Realitätsverweigerung noch relativ einfach zu überwinden, sieht es im Kampf um die Anerkennung eines ausreichenden Hilfebedarfs schon viel problematischer aus. Häufig werden nicht einmal alle pflegerischen Erfordernisse anerkannt. Ein Toilettengang in der Nacht, mehrmaliges Wenden während des Schlafes – Windeln und eine Dekubitusmatratze tun es auch. Wenn es darum geht, in die Stadt gehen zu können, einkaufen, kochen oder verreisen, wird es richtig schwierig. Assistenz für solche für andere Menschen selbstverständlichen Alltagsdinge wird von Fallmanagern oder Gruppenleitern als Luxus angesehen. Selbstverständlich ist Teilhabe, bzw. Inklusion nicht. Sie muss immer noch erstritten werden. Das Konstrukt „Behinderung“, die Zuweisung des Andersseins durch die Mehrheit der Normalen, wird sich weiter auflösen, wenn die Mehrheit sich auch in diesem Konstrukt wiederfinden kann, bzw. muss. Allein durch die erweiterten Möglichkeiten der Medizin und das höhere Alter, was die Leute erreichen, natürlich auch durch Snowboarden, Motorradfahren, Bergsteigen, Berufsverkehr gehört eine Behinderung mittlerweile allgemein zum biografischen Horizont. Eine Möglichkeit des Umgangs ist nach wie vor die Verdrängung inklusive der Euthanasie. Sie findet nun nicht mehr diktatorisch, das heißt von außen verordnet statt, sondern demokratisch und selbstbestimmt. Die Leute sagen nun: „Wenn es einmal so weit kommt mit mir, dann möchte ich nicht mehr leben.“ Sie legen das als Patientenverfügung nieder oder lassen sich, wenn es dann so weit ist, ins nahe gelegene Ausland verbringen, um sich dort legal das sicher wirkende Gift verabreichen zu lassen. Aber auch die andere Möglichkeit findet statt: Die Leute sehen ihre behinderten Verwandten, Nachbarn, Mitschüler, Kollegen und erleben sie weniger als Projektionsfläche und mehr als konkrete Menschen. Sie erleben, dass sie Freuden und Sorgen wie sie selbst haben, dass sie kein vorgegebenes Leben führen müssen, sondern ein eigenes gestalten können wie sie auch, dass es für unterschiedliche Einschränkungen unterschiedliche Hilfen gibt. So können sie sich von vornherein mit einer möglichen Behinderung arrangieren.

Zu Beginn hatten wir konstatiert, dass die Gruppe der Behinderten sich vor allem deshalb vergrößert, weil immer mehr Behinderungen deklariert werden. Eine Floskel in den 80ern lautete: „Behindert sind wir ja irgendwie alle.“ Nun muss es heißen: „Behindert sind wir alle -irgendwann einmal… – vielleicht schon morgen.“

Danke für eure Aufmerksamkeit und Geduld!

 

 

1 Antwort
  1. STORMIE
    STORMIE says:

    Hallo, matthias, habe den paraplegiker erhalten,und deine nachrichten gelesen….. bin seit 22 jahren para und total am ende,hochachtung für dein engagement für behinderte,mir zittern schon wieder die finger,bin schwer opiatabhängig mit dem kompletten programm…. danke ´´STORMIE´´ IST AUCH MEIN RUFNAHME

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