Interview des Lichtenberger Pfarrers Peter Radziwill mit Birgit Monteiro für den Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Lichtenberg „Lichtblick“


Der „Lichtblick“ hat mit Birgit Monteiro darüber gesprochen, welche Anstöße
sie von der Kirche bekommen hat und welche sie von ihr erwartet. Birgit
Monteiro wurde in Strausberg geboren und wuchs in einem atheistischen
Elternhaus auf. Heute ist sie Geschäftsführerin der Kiezspinne und Mitglied
des Abgeordnetenhauses von Berlin.


Hat Ihnen die Kirche schon einmal einen Anstoß gegeben?


Meine erste wichtige Begegnung war bei einer Klassenfahrt auf einem
Zeltplatz in Brandenburg. Dort haben wir Leute von der Jungen Gemeinde
getroffen. Wir haben zusammen am Feuer gesungen und gekocht.
Dieses Gemeinschaftsgefühl war sehr beeindruckend, das gab es so in der FDJ
nicht.

Gab es danach noch weitere Anstöße?

Für mich sind zwei Menschen aus der Kirche wichtig geworden. Zum einen
Erdmuthe Remoli, die ich aus dem Migrantenrat kenne. Sie hat mich mit ihrer
ruhigen und ausgleichenden Art und ihrem konkreten Einsatz für andere
Menschen sehr beeindruckt. Der andere Mensch ist Manfred Becker, der jetzt
Vorstandsvorsitzender der Kiezspinne ist …

… und bei uns in Alt-Lichtenberg und früher im Gemeindekirchenrat.

Richtig. Er hat mir vor allem in der Nach-Wendezeit demokratische
Grundfähigkeiten vermittelt: Wie organisiert man parlamentarische Arbeit.
Wie organisiert man demokratische Abstimmungen.


Das Thema Ihrer Masterarbeit war „Wie offen sind offene Bereiche in
Nachbarschaftsheimen?“ Wie offen ist die Kiezspinne für die Kirche?

Die Kiezspinne ist offen für alle. Wir haben guten Kontakt zur
Mauritiusgemeinde. Aber ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen aus den
Kirchengemeinden in der Kiezspinne und in den anderen lokalen Strukturen
engagieren. Da nehme ich Kirche bisher kaum wahr. Ich denke aber, dass sie
dort eine starke Rolle spielen könnte.

Was unterscheidet für Sie ein Nachbarschaftshaus von einer Kirchengemeinde?

Als Nachbarschaftshaus arbeiten wir unabhängig von der
Religionszugehörigkeit. Aber sonst sehe ich auch bestimmte Gemeinsamkeiten,
zum Beispiel, dass beide grundsätzlich offen sind für alle Menschen. Man
muss weder bei uns noch in der Kirche Mitglied sein und kann dennoch die
jeweiligen Angebote nutzen.

Kirche möchte ja wie jede Institution eine bestimmte Identität vermitteln.
Wie ist Ihr Bild von Kirche?

Kirche ist für mich ein Ort der Ruhe und Besinnung, in dem man dem Alltag
entfliehen kann. Kirche ist mir ein „anderer Ort“ der mir ein anderes
Denken, Verweilen, Innehalten, Durchatmen ermöglicht. Außerdem verbinde ich
mit Kirche auch oft einen besonderen moralischen Anspruch, aber weiß nicht,
ob die Kirche das selbst so sieht: das Kümmern um Benachteiligte,
Unterstützung von Behinderten und Migranten, Gewährung von Kirchenasyl,
Zuwendung zu Menschen, die in kein Raster passen.

Mich hat Margot Käsmann sehr beeindruckt und ich fand es sehr schade, dass
sie zurückgetreten ist, auch wenn ich es verstehen kann; Frauen sind eben
selbstkritischer.

Was erwarten Sie von der Kirche?

Für mich hat die Kirche eine stabilisierende Funktion im Gemeinwesen.
Sie hat eine lange Geschichte und sollte dieses Wissen über Traditionen
weiter geben. Ich selbst weiß oft gar nicht, woher bestimmte Traditionen und
Bräuche kommen. Dass Jesus am Karfreitag gestorben ist, wusste mein
Verstand, aber welche Gefühle damit verbunden sein können, darauf hat mich
in diesem Jahr erst jemand aufmerksam gemacht. Für mich war der Karfreitag
völlig entkleidet vom religiösen Hintergrund.
Da könnte Kirche einen wichtigen Beitrag leisten, zum Beispiel auch hier in
der Kiezspinne.

Gibt es noch andere Erwartungen als diese Traditionsweitergabe?

In unserer älter werdenden Gesellschaft ist mir das „Sterben in Würde“ ein
wichtiges Thema. Da gibt es noch viel Nachholbedarf. Die Kirche könnte
manche Zugänge leichter haben, wenn die Mitarbeiter ihren Glauben als
Maßstab zum Handeln nehmen. Es besteht ein Bedarf, den Menschen auf
besonders menschliche Art bei Sterben und Abschied durch Rituale zu
begleiten.

Und noch etwas fällt mir ein: Ich finde, dass Pfarrer und Kirche noch immer
ein hohes Ansehen in der Gesellschaft genießen. Ich würde es darum begrüßen,
wenn sich die Kirche als unabhängige Instanz häufiger zu politischen Themen
äußerte und aus ihrem übergreifenden Standpunkt die Dinge klar, aber
unaufgeregt und seriös benennen würde, so wie es Margot Käsmann getan hat.

Pfarrer predigen ja jeden Sonntag und setzen sich so auch mit der Situation
vor Ort und in der Welt auseinander.

Wäre es nicht eine Idee, jede Woche die zehn Kernsätze Ihrer Predigt als
Presseerklärung herauszugeben oder auf die Homepage zu stellen?

Ich nehme das mal als Gedanken mit und danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Peter Radziwill.